Neuer Glogauer Anzeiger, Nummer 5, Mai 2009

„Flucht, Vertreibung und Integration der Deutschen nach 1945 –
ein aktuelles Thema“

Tagung auf Einladung des Beauftragten der Niedersächsischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Rudolf Götz am 19. März 2009 in Hannover

von Hans-Karl Hänel

 

Nachdem Prof. Dr. Alfred Palissa und ich tags zuvor an dem Kongress „Wandel durch Erinnerung“ auf Einladung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Reichstag zu Berlin teilgenommen hatten, besuchte ich mit unserer Ehrenvorsitzenden Marie Schalm die o.e. Tagung.
Mit dem Tagungsort des Sparkassenforums am Schiffgraben in Hannover hatte der Einladende, Herr Rudolf Götz MdL, einen guten Ort gewählt, an dem wir uns, von der Versorgung bis zur Themenauswahl, sehr wohl gefühlt haben.
Das Thema „Flucht und Vertreibung“ mit allen seinen Unterthemen ist ja in den letzten Wochen und Monaten äußerst aktuell geworden, und man muss politisch schon immer auf dem Laufenden sein, um die Vorgänge gut beurteilen zu können. Unterm Strich gesehen waren die beiden von uns besuchten Veranstaltungen natürlich „Wahlkampfveranstaltungen“ der CDU, jedoch, und das muss man der CDU zugute halten, mit sehr bedeutsamem und bewegendem Inhalt.
Etwa 250 Vertriebene und Spätaussiedler waren der Einladung nach Hannover gefolgt, und, wie ich erfreut feststellte, waren auch etwa 50 unter 50-jährige unter ihnen, also bereits ein großer Teil der bekennenden Generation.
Als Erstes hörten wir einen Vortrag von Dr. Andreas Kossert, Direktor des Deutschen Historischen Institutes in Warschau. Ein Buchtitel von ihm lautet „Kalte Heimat. Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945“. 14 Millionen Deutsche verloren ihre Heimat. Sie wurden entwurzelt, erlitten unsäglichen seelischen und körperlichen Schmerz, eine bis heute nicht überwundene Traumatisierung. Sie wurden nach Mittel- und Westdeutschland vertrieben und waren hier in den meisten Fällen unwillkommen und wurden sogar oft als „Polaken“ beschimpft. Man kann das fast unsern Landsleuten nicht übel nehmen, da Deutschland damals nicht nur wirtschaftlich sondern auch in seiner Infrastruktur am Boden lag. Die Verwaltung musste sich erst wieder neu formieren, die Medien fanden ganz langsam wieder zu ihren Aufgaben zurück. Was hätte es für eine Panik ausgelöst, hätte man die Menschen in Mittel- und Westdeutschland darüber informiert, dass 14 Millionen Landsleute aufzunehmen und mit dem Nötigsten zu versorgen seien?– Das alles löste nicht nur bei mir, sondern bei allen Anwesenden Erinnerungen aus, die über Jahrzehnte hinweg verdrängt wurden. In der dem Vortrag folgenden Diskussion mit dem Autor brachen diese Erinnerungen mit Macht hervor. Was hat die Vertreibung und Entwurzelung alles hervorgebracht?
Nach der Mittagspause mit vielen guten Gesprächen und Begegnungen mit Schlesiern, Ostpreußen, Sudetendeutschen ging es weiter mit einem Thema, das uns alle sehr berührte, weil es jeden Einzelnen in seiner besonderen Erlebnissituation und Gefühlswelt anging. Es sprach zu uns eine junge Journalistin und Autorin, Anne-Ev Ustorf, die ein Buch veröffentlicht hat, das an dem Büchertisch im Nu vergriffen war: „Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs“. Das Thema ihres Vortrags lautete ähnlich: „Die Kinder der Kriegskinder: Die Folgen von Krieg, Flucht und Vertreibung für die dritte Generation“.
Die Autorin kommt aus der Generation meiner eigenen Kinder, aus den 70iger Jahren, und nicht nur mir gingen hier etwas die Augen auf. Die eigenen Erlebnisse, auch die, von denen ich bisher zu meinen Kindern noch nicht gesprochen habe, drängten sich hier nach oben und zwar mit Gewalt. Die Gefühle zu meinen eigenen Kindern und die meiner Kinder zu mir wurden plötzlich so deutlich in mir, dass ich mit den Tränen kämpfen musste. Vielen ging es ebenso. Es wurde von einem psychischen Ausnahmezustand gesprochen, und in diesem Zustand fühle ich mich noch heute. Dieser Zustand kann ja nur beendet werden, wenn man innerlich bereit ist, über seine eigenen Kriegserlebnisse zu seinen Kindern zu sprechen. Vielleicht hat mir und auch anderen Anwesenden dieser Vortrag geholfen, diese innere Blockade zu beenden. Sollte es einem unserer Leser ähnlich gehen wie mir, dann sei ihm das erwähnte Buch ans Herz gelegt. Ein Gedanke aus dem Tag zuvor sei hier noch erwähnt und zwar was die genetische Schädigung der Kriegs- und Nachkriegskinder betrifft, so wurde von einem „Körpergedächtnis“ gesprochen. Dieses wurde erst in den letzten Jahren wissenschaftlich nachgewiesen. In dem Bericht von Prof. Palissa wird sicher davon zu lesen sein.
Es folgte nun ein Vortrag der Staatssekretärin im Niedersächsischen Finanzministerium, Frau Cora-Jeanette Hermenau zur „Heimatverbundenheit und Pflege der kulturellen Wurzeln trotz erfolgreicher Integration“.
Dieses Thema berührt ja alle Heimatverbände, so auch unsern GHB. Die Fragen der Vertreibung sind Gegenwart, sie lassen uns nie los. Der Vater und der Großvater der Vortragenden waren Schlesier und haben über ihre Kriegs- und Nachkriegserlebnisse mit ihrer Tochter und Enkelin gesprochen, und diese hat dann ihre Schlussfolgerungen daraus gezogen. Unsere Vertreibung war und ist auch eine Vertreibung in die politische Öffentlichkeit, nicht für alle, aber für viele. Wir Vertriebenen haben auch unsere neue Heimat mit aufgebaut und zwar mit großer Motivation und unter denkbar schlechtesten Umständen, doch in Demut und mit Gottvertrauen. Der Verlust der Deutschen Ostgebiete war und ist eine nationale Katastrophe, verbunden mit einem Geschichtsverlust, doch nur wer seine Vergangenheit kennt, kann auch die Zukunft gestalten.
Der letzte Vortrag beschäftigte sich mit einem Thema, das allen Heimatverbänden am Herzen liegt. „Die Bedeutung von Heimatsammlungen der Vertriebenen und Flüchtlinge in Niedersachsen und bundesweit“. Es sprach Prof. Dr. Matthias Weber, Direktor des Bundesinstitutes für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Alle Heimatsammlungen sollen jetzt bundesweit erfasst und digitalisiert werden. Es handelt sich hier sehr oft um äußerst wertvolle Exponate, die zu unserm kulturellen Erbe gehören.
Mit diesem Vortrag ging ein inhaltsschwerer Tag zuende, und ich hoffe, ein wenig das Interesse unserer Heimatfreunde geweckt zu haben.

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